Was machen wir hier? Und warum finde ich das eigentlich interessant?

Cube

Kürzlich hat mich eine Bekannte – sie wird sich hier wiedererkennen – auf die Frage gebracht, was wir hier eigentlich machen. Also nicht, was ich in meiner Amateurhaftigkeit versuche, sondern wir, das gesamte sogenannte Web 2.0.
Und “machen” meine ich tatsächlich im Sinne von herstellen – denn ohne Zweifel produzieren wir täglich eine nahezu unüberschaubare Menge an geschriebenem Text – wer’s nicht glaubt, schaut in seinen Feed-Reader und in seine Timeline. Ich bin kein Literaturwissenschaftler und die Frage mag trivial sein, aber: Aber ist das, was wir hier machen Literatur? Wenn ja, was für eine Art? Und wenn nein, was ist es dann?

Gut, man könnte jetzt sagen: Das ist alles nur Kommunikation, pure Erweiterung von traditionellen Verständigungsmitteln. Bei der SMS hat ja auch kein Schwein nach Literatur gefragt. Aktion – Reaktion, jemand schreit etwas in die Welt hinaus, ein anderer kommentiert – ob es nun notwendig ist oder nicht. Ich habe jedoch das Gefühl, dass da mehr ist.

Nehmen wir einmal Twitter: Twitter ist kein Chat? Twitter ist verdammt nochmal ein Chat, zumindest kann man ihn sehr gut als solchen zweckentfremden. Ich spreche da aus Erfahrung und habe da auch vollstes Verständnis für jeden, der das tut. Nichtsdestoweniger gibt es auch eine andere Art von Tweets – solche ohne @-Zeichen und Usernamen. Die Tweets, die geretweetet werden, mit Sternen geradezu überschüttet, so dass sie darunter ersticken. Die Tweets, die in Büchern erscheinen. Doch, in meiner bescheidenen Unwissenheit nenne ich das dann Literatur. Vielleicht auch Twitteratur, die Ausdrucksweisen unterscheiden sich da vielleicht etwas. Und wieder andere Leute hätten so etwas vielleicht Aphorismen genannt.

Auch bei den Blogs: Jeder bloggt anders. Es gibt Technik-Blogs, Sport-Blogs, Humor-Blogs, Spiele-Blogs, Foto-Blogs, Katzen-Blogs, Koch-Blogs, Literaturkritik-Blogs, Wissenschafts-Blogs und Musik-Blogs. Blogs über Blogs. Und dazu kommen noch all die persönlichen Blogs, Online-Tagebücher, ohne bestimmtes Thema oder Richtung. Klar, das ein oder andere Stöckchen ist auch dabei, um den nahezu unbegrenzt verfügbaren Platz zu füllen und mehr über sich zu erzählen. Aber was sind diese Blogs anderes als die Wiedergabe von Beobachtungen und Geschichten aus dem Leben. Es klingt hochtrabend und vielleicht ist das Wort dafür ja auch unangemessen, aber: Sind das nicht alles kleine Essays? Abhandlungen? Kolumnen?

Gut, im Grunde genommen ist das nur Schubladendenken. Das brauchen wir auch nicht in einem so offenen Medium wie dem Internet, deshalb verzichte ich gerne auf eine genaue Gattungsbestimmung der Texte. Worum es mir wirklich geht ist ein andere Punkt, den ich für bedenkenswert halte: Potentiell ist das alles Literatur. Vielleicht hält nicht alles bestimmten Qualitätsanforderungen stand, wahrscheinlich ist vieles auch verzichtbar, dieser Text eingeschlossen. Aber wichtiger: Jeder hat das Potential, einen Text zu schreiben und vor allem zu veröffentlichen, der genial ist, kunstvoll, diskussionswürdig oder auf eine andere Weise relevant. Auch wenn es nur einen einzigen anderen Menschen berührt oder etwas angeht. 

Nennt mich leicht zu begeistern, aber genau das finde ich faszinierend am Web2.0